GG Allin

Kevin Michael „GG“ Allin (geboren als Jesus Christ Allin; * 29. August 1956 in Lancaster, New Hampshire; † 28. Juni 1993 in New York City)[1] war ein US-amerikanischer Punkrock-Musiker. Er galt wegen seiner exzessiven, häufig in Gewalt endenden Bühnenauftritte als einer der berüchtigtsten Vertreter des amerikanischen Undergrounds.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kindheit und Jugend
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Allin hatte eine schwierige Kindheit, da sein Vater als überreligiös und antisozial galt. Die Familie lebte in einer Zweiraum-Blockhütte ohne Elektrizität. Der Vater bestand auf Grund einer angeblichen Vision darauf, seinem Sohn den Namen Jesus Christ zu geben. Die Mutter trennte sich später von ihrem Ehemann und ließ den Namen des Sohnes amtlich zu Kevin Michael ändern.[2] Durch Rockmusik aus dem Radio wurde Allin inspiriert, selbst Musiker zu werden. Er eignete sich das Schlagzeugspiel an und wurde von seinem Bruder Merle als Bassist unterstützt. Die beiden waren Teil verschiedener Schulbands. Der Schulbesuch selbst gestaltete sich aufgrund seines problematischen Verhaltens schwierig; nach eigenen Angaben erschien er, inspiriert von den New York Dolls, zeitweise als Crossdresser in der Schule.[2]
Musikalische Karriere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den späten 1970er Jahren kam Allin mit dem Punkrock in Berührung. 1977 wurde er Mitglied der Band The Jabbers, in der er zunächst Schlagzeug spielte und sang; mit ihr veröffentlichte er 1980 sein Debütalbum Always Was, Is and Always Shall Be.[1] Seine frühen Aufnahmen, beeinflusst von Bands wie den Ramones, The Stooges und MC5, verbanden Hardcore Punk mit eingängigen Power-Pop-Elementen und waren musikalisch deutlich konventioneller als sein späteres Werk.[1] 1981 nahm er die Single Gimme Some Head mit den Motor City Badboys auf, zu denen Wayne Kramer und Dennis Thompson von MC5 gehörten.[1]
Allins zunehmend unberechenbares Verhalten auf der Bühne führte 1984 zur Auflösung der Jabbers.[1] In den folgenden Jahren sang er in rasch wechselnden Formationen, darunter die Cedar Street Sluts und die Scumfucs, mit denen das Album Eat My Fuc entstand. Da sich viele Mitmusiker wegen seines als abnorm wahrgenommenen Verhaltens aus gemeinsamen Projekten zurückzogen, arbeitete er lediglich mit seinem Bruder Merle kontinuierlich zusammen. Größere Bekanntheit im Underground erlangte er 1987 durch die beim Label ROIR erschienene Kassetten-Kompilation Hated in the Nation, die Material seiner frühen, teils vergriffenen Veröffentlichungen bündelte.[1] Im selben Jahr nahm ihn das Independent-Label Homestead Records unter Vertrag, bei dem die Alben You Give Love a Bad Name (1987, mit den Holy Men) und Freaks, Faggots, Drunks and Junkies (1988) erschienen.[1] Allin war trotz seines chaotischen Lebenswandels ein ausgesprochen produktiver Musiker; seine umfangreiche Diskografie gilt wegen zahlloser Kleinstauflagen, Wiederveröffentlichungen und Kompilationen als unübersichtlich.[1] Neben Punkrock nahm er – stark beeinflusst von seinem Idol Hank Williams – auch akustisch geprägtes Country-Material auf, das unter anderem auf der EP The Troubled Troubador und dem posthum erschienenen Album Carnival of Excess veröffentlicht wurde.[2]
Allins Shows waren extreme Performances, bei denen er sich selbst verletzte, nackt auftrat, Zuschauer attackierte und das Publikum mit seinen Exkrementen bewarf.[2] Seine Konzerte endeten häufig vorzeitig in Tumulten, Verhaftungen oder Lokalverboten; Veranstalter waren immer weniger bereit, ihn zu buchen. Allin verstand sich als radikaler Individualist, der dem Rock ’n’ Roll die „Gefahr“ zurückgeben wollte, und kündigte mehrfach an, sich eines Tages auf der Bühne das Leben zu nehmen.[1] In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren trat er mit dieser Selbstinszenierung auch in US-amerikanischen Talkshows auf, etwa bei Geraldo Rivera und Jerry Springer.[2]
Allin war mehrere Jahre verheiratet und hatte eine Tochter, verließ jedoch seine Familie, um eine Beziehung zu einer Dreizehnjährigen aufzunehmen. 1989 wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung an einer Frau zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt.[1] Verstöße gegen Bewährungsauflagen führten zu wiederholten Festnahmen. Während der Haft verfasste er das GG Allin Manifesto, in dem er seine nihilistisch-anarchistische Weltsicht zusammenfasste.[2] Nach seiner Entlassung 1991 nahm er mit der Band Antiseen das Album Murder Junkies auf und stellte mit den Murder Junkies – mit seinem Bruder Merle am Bass – seine letzte feste Begleitband zusammen. Zeitweilig gehörte der Band auch kurzzeitig Dee Dee Ramone an.[1] Nach einer weiteren Haftstrafe von 1992 bis 1993 entstand mit den Murder Junkies das Album Brutality and Bloodshed for All, das erst nach seinem Tod erschien.
Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sein letztes Konzert gab Allin am 27. Juni 1993 im New Yorker Club The Gas Station; der Auftritt wurde nach wenigen Songs wegen ausufernder Gewalt abgebrochen, woraufhin Allin nackt durch die Straßen Manhattans zog.[2] Am Morgen des 28. Juni 1993 wurde er nach einer Heroin-Überdosis tot in der Wohnung eines Freundes in der New Yorker Lower East Side aufgefunden.[1] Er wurde in Littleton, New Hampshire, beigesetzt; auf Wunsch seines Bruders wurde der Leichnam ungewaschen und in Lederjacke bestattet.[2]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Allins Bedeutung wird weniger in seiner Musik als in seiner Person und seinen Auftritten gesehen. Musikalisch blieb sein Werk meist einfachem, aggressivem Drei-Akkorde-Punk verhaftet, und seine bewusst auf Tabubruch angelegten Texte – geprägt von Gewaltverherrlichung, Misogynie, Blasphemie und anderen Provokationen – spalteten selbst das Punk-Publikum.[1][2] Steve Huey von Allmusic beschrieb ihn unter anderem als „der spektakulärste Degenerierte der Rock-’n’-Roll-Geschichte“.[1] Zugleich wurde er nach seinem Tod zu einer Kultfigur des Underground- und Hardcore-Punk stilisiert, die als extremes Beispiel für die Verweigerung jeglicher Kommerzialisierung und für die Grenzüberschreitung zwischen Konzert und Performance gilt; Musiker wie J Mascis, Dee Dee Ramone und Thurston Moore äußerten sich anerkennend über ihn.[2] Der Dokumentarfilm Hated: GG Allin and the Murder Junkies des späteren Hollywood-Regisseurs Todd Phillips trug wesentlich zur posthumen Bekanntheit Allins bei und kam 2023, zum 30-jährigen Jubiläum, unter dem Titel GG Allin – der meistgehasste Mann des Punks auch in die deutschen Kinos.[3]
Veröffentlichungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Alben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1980: Always Was, Is and Always Shall Be (als GG Allin and the Jabbers)
- 1983: Eat My Fuc (als GG Allin and the Scumfucs)
- 1987: Hated in the Nation (Kompilation, ROIR)
- 1987: You Give Love a Bad Name (als GG Allin and the Holy Men)
- 1988: Freaks, Faggots, Drunks and Junkies
- 1991: Murder Junkies (als GG Allin and Antiseen)
- 1993: Brutality and Bloodshed for All (als GG Allin and the Murder Junkies)
- 1995: Carnival of Excess (posthum)
Dokumentarfilm
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1993: Hated: GG Allin and the Murder Junkies (Regie: Todd Phillips)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Offizielle Website
- GG Allin bei Discogs
- GG Allin bei IMDb
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Steve Huey: G.G. Allin auf AllMusic, abgerufen am 26. Juni 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 GG Allin. Biografie auf Laut.de, abgerufen am 15. Juli 2026.
- ↑ GG Allin – der meistgehasste Mann des Punks. In: film-rezensionen.de, 22. Februar 2023, abgerufen am 15. Juli 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Allin, GG |
| ALTERNATIVNAMEN | Allin, Kevin Michael; Allin, Jesus Christ (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Punkrock-Musiker |
| GEBURTSDATUM | 29. August 1956 |
| GEBURTSORT | Lancaster, New Hampshire |
| STERBEDATUM | 28. Juni 1993 |
| STERBEORT | New York City |