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Hasanāt

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Hasanāt (arabisch حسنات, DMG ḥasanāt, Einzahl: ḥasana حسنة) sind im Islam gute Taten, die nach islamischer Lehre von Gott (Allah) belohnt werden. Sie bilden das Gegenstück zu den schlechten Taten (sayyiʾāt, سيئات) und sind ein zentrales Konzept der islamischen Eschatologie und Ethik.[1]

Etymologie und Wortfeld

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Das Wort ḥasana leitet sich von der arabischen Wurzel ḥ-s-n (ح س ن) ab, die „gut, schön, tugendhaft“ bedeutet.[2] Bereits im vorislamischen Arabisch bezeichnete der Begriff ästhetische und moralische Vortrefflichkeit. Im Koran entwickelte sich daraus ein theologischer Terminus für Handlungen, die göttliche Anerkennung finden.[1]

Theologische Grundlagen

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Nach islamischem Glauben zeichnen zwei Engel (Kiram al-katibun) jede Tat eines Menschen auf (Koran 50:17–18).[3] Gute Taten werden als ḥasanāt, schlechte als sayyiʾāt verbucht. Am Jüngsten Tag werden diese Taten in einer Waage (mīzān) gewogen (Koran 101:6–9).[4]

Die innere Absicht (niyya) ist entscheidend: Ein Hadith bei al-Buchārī lautet: „Die Taten sind nur entsprechend den Absichten.“[5] Eine Tat kann nur dann als ḥasana gelten, wenn sie um Gottes willen geschieht.[6]

Hasanāt im Koran

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Der Begriff ḥasanāt erscheint etwa 30-mal im Koran, die Einzahl ḥasana ca. zwölfmal.[7] Drei zentrale Aussagen:

  1. Vervielfachung: „Wer eine gute Tat (ḥasana) bringt, erhält zehnfaches [dafür]; wer aber eine schlechte Tat bringt, wird nur mit gleichem vergolten.“ (Koran 6:160)[8]
  2. Tilgung: „Die guten Taten tilgen die schlechten.“ (Koran 11:114) – Diese Stelle wird in der klassischen Koranexegese (z. B. bei at-Tabarī) als Ermutigung zu aufrichtiger Reue (tawba) verstanden.[9]
  3. Zinsgleichnis: „Das Gleichnis derer, die ihr Vermögen auf dem Weg Gottes ausgeben, ist das eines Korns, das sieben Ähren treibt, in jeder Ähre hundert Körner.“ (Koran 2:261)[10]

Hadith-Literatur und Rechtslehre (Fiqh)

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Die Hadithe detaillieren konkrete Handlungen als ḥasanāt:

  • Ein Lächeln gegenüber deinem Bruder ist eine gute Tat. (at-Tirmidhi, Nr. 1956 – klassifiziert als ḥasan)[11]
  • Das Wegräumen eines Schadens vom Weg ist eine gute Tat. (Muslim, Nr. 1009)[12]

In der islamischen Rechtslehre wird die Berechnung der ḥasanāt präzisiert: Eine beabsichtigte, nicht ausgeführte gute Tat zählt als eine ganze ḥasana; eine ausgeführte gute Tat zählt mindestens zehnfach (nach Koran 6:160). Diese Regelung geht auf einen Hadith qudsi bei al-Buchārī zurück (Nr. 6491).[13]

Kategorien von Hasanāt

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KategorieBeispieleQuellen
Religiöse Pflichten (farḍ)Gebet, Zakāt, Hadsch, Fasten im RamadanKoran 2:110, 22:27; Buḫārī, Nr. 8
Freiwillige Andachten (nafl)Nachtgebet (tahajjud), freiwilliges FastenBuḫārī, Nr. 1149; Muslim, Nr. 1163
Soziale HandlungenSpeisen geben, Bedürftige kleiden, Konflikte schlichtenKoran 76:8–9; Muslim, Nr. 1010
CharaktereigenschaftenGeduld (ṣabr), Dankbarkeit (šukr)Koran 39:10; Buḫārī, Nr. 1422
Innere HaltungAufrichtige Reue (tawba), Gottesfurcht (taqwā)Koran 39:53; at-Tirmidhī, Nr. 2406

Diese Systematik folgt klassischen Werken wie Al-Ghazālīs Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn.[14]

Verhältnis von Hasanāt und Sayyiʾāt

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Nach Koran 101:6–9 führt ein Überwiegen der guten Taten ins Paradies (ǧanna), ein Überwiegen der schlechten ins Feuer (ǧahannam). In der islamischen Theologie besteht eine zentrale Diskussion zwischen Muʿtazila und Aschʿariten:

  • Die Muʿtazila betonten die rechnerische Gerechtigkeit Gottes: Die Waage (mīzān) bilde das exakte Verhältnis von ḥasanāt zu sayyiʾāt ab.[15]
  • Die Aschʿariten (und die Mehrheit der Sunniten) hoben hervor, dass letztlich allein Gottes Barmherzigkeit (raḥma) über das Heil entscheide – die Bilanz diene als göttlicher Ausdruck, nicht als automatischer Mechanismus.[16]

Ein Spezialfall ist die tawba (Reue): Nach Koran 25:70 werden frühere sayyiʾāt gelöscht und in ḥasanāt verwandelt.[17]

Unterschiedliche Rechtsschulen

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Die vier sunnitischen Rechtsschulen (Hanafiten, Malikiten, Schafiiten, Hanbaliten) sowie die schiitische Jaʿfarīya stimmen grundsätzlich überein, dass ḥasanāt sowohl aus Pflicht- als auch aus freiwilligen Handlungen erworben werden. Unterschiede bestehen in der **Gewichtung einzelner Handlungen** (z. B. ob das Rezitieren des Korans mehr oder weniger zählt als freiwilliges Nachtgebet).[18]

Hasanāt in der islamischen Mystik (Sufismus)

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In der sufischen Tradition tritt die Motivation, ḥasanāt zu sammeln, zugunsten einer jenseits von Lohn und Strafe liegenden Gottesliebe (maḥabba) in den Hintergrund. Rabi'a al-Adawiyya (8. Jh.) soll geäußert haben: „Ich diene Dir nicht aus Furcht vor der Hölle noch aus Verlangen nach dem Paradies, sondern allein aus Liebe zu Dir.“[19] Dennoch wird auch in der Mystik die konkrete ethische Handlung (das ḥasanāt-Konzept) nicht verworfen, sondern als Vorbereitung für höhere spirituelle Stufen gesehen.[20]

Rezeption in der modernen islamischen Ethik

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In zeitgenössischen Debatten wird das Konzept der ḥasanāt mit säkularen Handlungstheorien verglichen. Der pakistanische Gelehrte Fazlur Rahman (1919–1988) interpretierte ḥasanāt als ein handlungsintegrierendes Prinzip, das sowohl Intention als auch sozialen Nutzen verbinde – also als islamischen Gegenentwurf zu rein deontologischen oder utilitaristischen Modellen.[21]

  • Jane Dammen McAuliffe (Hrsg.): Encyclopaedia of the Qurʾān. Brill, Leiden 2001–2006, Bd. 2, S. 397–400 (Lemma „Good Deeds“). ISBN 90-04-14743-X.
  • Tilman Nagel: Geschichte der islamischen Theologie. C.H. Beck, München 1994. ISBN 3-406-37981-8.
  • Fazlur Rahman: Major Themes of the Qurʾān. University of Chicago Press, Chicago 2009 (2. Aufl.). ISBN 978-0-226-70286-5.
  • Al-Nawawī: Riyāḍ aṣ-Ṣāliḥīn. Verschiedene Ausgaben, Kapitel 18 („Buch der guten Taten“).

Einzelnachweise

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  1. 1 2 „Ḥasana“. In: Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Brill, 1960–2005, Bd. 3, S. 245–246.
  2. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Harrassowitz, Wiesbaden 1985, S. 270.
  3. Vgl. auch at-Tirmidhi, Sunan, Nr. 3366. In: Abū ʿĪsā Muḥammad at-Tirmidhī: Jāmiʿ al-uṣūl. Ed. ʿAbd al-Wahhāb ʿAbd al-Laṭīf. Kairo 1965, Bd. 4, S. 312.
  4. Tilman Nagel: Geschichte der islamischen Theologie. C.H. Beck, München 1994, S. 78–82. ISBN 3-406-37981-8.
  5. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, Nr. 1. In: Muḥammad b. Ismāʿīl al-Buḫārī: al-Ǧāmiʿ aṣ-ṣaḥīḥ. Ed. Muḥammad Zuhair b. Nāṣir. Dār Ṭauq an-Naǧāt, 1422 H., Bd. 1, S. 2.
  6. Fazlur Rahman: Major Themes of the Qurʾān. University of Chicago Press, Chicago 2009, S. 34–36. ISBN 978-0-226-70286-5.
  7. Hanna E. Kassis (Hrsg.): The Qurʾan: A Concordance. Brill, Leiden 1983, S. 417–419.
  8. Übersetzung nach Rudi Paret, Kohlhammer, Stuttgart 2007.
  9. Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. Ǧarīr aṭ-Ṭabarī: Tafsīr aṭ-Ṭabarī. Ed. ʿAbd Allāh b. ʿAbd al-Muḥsin at-Turkī. Dār Hiǧr, Kairo 2001, Bd. 12, S. 448 (Kommentar zu 11:114).
  10. Rudi Paret: Der Koran. Kommentar und Konkordanz. Kohlhammer, Stuttgart 1977, S. 45. ISBN 3-17-004533-4.
  11. At-Tirmidhī: Sunan at-Tirmidhī. Ed. Aḥmad Muḥammad Šākir. Dār Iḥyāʾ at-Turāṯ al-ʿArabī, Beirut o. J., Bd. 3, S. 251, Nr. 1956.
  12. Muslim b. al-Ḥaǧǧāǧ: Ṣaḥīḥ Muslim. Ed. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī. Dār Iḥyāʾ at-Turāṯ al-ʿArabī, Beirut 1955, Bd. 2, S. 129, Nr. 1009.
  13. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Fatḥ al-Bārī. Ed. ʿAbd al-ʿAzīz b. Bāz. Dār al-Maʿrifa, Beirut 1959, Bd. 11, S. 308 (Kommentar zu Buḫārī 6491).
  14. Al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. Dār al-Maʿrifa, Beirut o. J., Buch 16 (Kitāb aḫlāq al-azwāǧ wa-l-aufāq).
  15. Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. de Gruyter, Berlin 1991–1997, Bd. 3, S. 234–236.
  16. Al-Ġazālī: Das Elixier der Glückseligkeit. Übers. Hellmut Ritter, 3. Aufl. 2010, S. 112–115.
  17. Fazlur Rahman: Major Themes, S. 109.
  18. Christopher Melchert: The Formation of the Sunni Schools of Law. Brill, Leiden 1997, S. 151–153.
  19. Annemarie Schimmel: Sufismus – Eine Einführung in die islamische Mystik. C.H. Beck, München 2000, S. 121–124. ISBN 3-406-46028-3.
  20. William C. Chittick: The Sufi Path of Knowledge. SUNY Press, Albany 1989, S. 201–203.
  21. Fazlur Rahman: Islam and Modernity. University of Chicago Press, Chicago 1982, S. 41–44.