Unternehmen Auf dem Tiefpunkt
Für Mohammed Nawas, Kabeldreher beim Elektrokonzern SEL in Stuttgart, war es eine Chance, mehr zu verdienen: Seine Chefs boten ihm, im November vergangenen Jahres, die Position eines Schichtleiters in der hauseigenen Glasfaserproduktion an.
Der Job hatte nur einen Haken. Nawas sollte sich zusammen mit rund 80 Kollegen verpflichten, auch nachts und am Wochende zu arbeiten. Nach jahrelangem und erbittertem Gerangel mit Behörden und Betriebsräten hatte SEL sich die Genehmigung für diesen ununterbrochenen Produktionsprozeß erkämpft.
Der gebürtige Pakistani nahm die Stelle an. »Die haben uns versprochen«, erinnert sich Nawas, »die Arbeitsplätze seien garantiert krisenfest.«
Was das Wort der SEL-Manager wert ist, erfuhren Nawas und seine Schichtkollegen dann Ende Juli. Die Geschäftsführung der französischen SEL-Muttergesellschaft Alcatel will das 1987 auf dem Stuttgarter SEL-Gelände gebaute Glasfaserwerk bis zum Jahresende dichtmachen.
Einsame Beschlüsse aus Paris gehören inzwischen zum Alltag bei der SEL. Seit der französische Kommunikationskonzern Alcatel (26,4 Milliarden Mark Umsatz, 120 000 Beschäftigte) vor dreieinhalb Jahren die Mehrheit des deutschen Konkurrenten übernommen hat, häufen sich in Stuttgart die bösen Nachrichten aus Frankreich.
Bis zum Verkauf der SEL hatte der US-Mischkonzern ITT die deutsche Elektrofirma mit lockerer Hand geführt. Im weltweiten ITT-Verbund wirtschaftete die SEL als eigenständiges Unternehmen.
Die neuen Herren in Paris dagegen haben sehr genaue Vorstellungen darüber, wo es bei der SEL langgehen soll. Rigoros werden Arbeitsplätze abgebaut und Fertigungen in andere Fabriken des Konzerns verlagert. Die Stuttgarter Zentrale wird zu einer Außenstelle des französischen Mehrheitsbesitzers degradiert.
Ende 1987 schon mußten die SEL-Manager den Bereich Unterhaltungselektronik an den finnischen Nokia-Konzern verkaufen. Wenig später wurde der kurz zuvor erworbene Konstanzer Computerbauer CTM abgestoßen.
Dann ordnete Alcatel-Chef Pierre Suard an, das Personal in den deutschen Betrieben drastisch zu verringern. In der SEL-Zentrale verloren seit Mitte 1989 rund 1000 Angestellte ihren Job oder wurden vorzeitig in Rente geschickt. Im Konzern wurde die Belegschaft von über 32 000 auf knapp 20 000 Angestellte reduziert.
Suard, zugleich Präsident der Alcatel-Muttergesellschaft Compagnie Generale d'Electricite (CGE), will mehr Geld aus der deutschen Tochter herausholen. Die CGE hatte den Kauf der SEL teuer bezahlen müssen.
Die SEL, mit vier Milliarden Mark Umsatz zweitgrößtes Alcatel-Unternehmen, erwirtschaftet die schwächste Rendite im Konzern. Im vergangenen Jahr stagnierte der ausgewiesene Jahresüberschuß bei rund 30 Millionen Mark. Die Obergesellschaft CGE dagegen steigerte ihren Gewinn um 68 Prozent auf über zwei Milliarden Mark.
Der französische Riese CGE hat es allerdings einfacher. Vor ausländischer Konkurrenz durch staatliche Einfuhr-Barrieren immer noch geschützt und durch eine nationale Vergabepolitik bevorzugt, hat der Fast-Monopolist so etwas wie eine Garantie auf gute Gewinne. Die SEL dagegen steht in Wettbewerb mit Inlandsfirmen wie Siemens und Bosch sowie mit Weltunternehmen aus den USA und Japan.
Die Franzosen wollen verlustbringende SEL-Sparten aufgeben. Dazu gehört der Bereich Bürokommunikation mit seiner schon von 5600 auf knapp 4000 Mitarbeiter verkleinerten Belegschaft. Die Produktion von Telefonen und Nebenstellenanlagen soll in die französische Schwesterfirma Telic eingegliedert werden.
Wie ihre Konkurrenten ABB, AEG und Siemens baut auch SEL die Zukunftssparte Eisenbahntechnik aus. Doch diese wird unter die Oberhoheit der Alcatel-Firma Alsthom gestellt. Alsthom fertigt den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV.
Die technisch hochwertige Fertigung von Funkgeräten und Flugnavigationssystemen für Luftfahrt und Verteidigung soll verkauft werden. Interessiert ist die AEG.
Die auf die Autoelektronik spezialisierten Konzerne Bosch und Siemens sollen nach Pariser Planungen den defizitären SEL-Bereich Bauelemente ausschlachten. Die Konkurrenz ist vor allem am Bereich Kleinstmotoren interessiert. Für den Kauf der Kondensatoren-Fertigung könnte der japanische Marktführer Matsushita gewonnen werden.
Doch die Alcatel-Manager begnügen sich nicht mit Verkäufen und Entlassungen: In allen Bereichen der SEL soll kräftig gespart werden. In den Büros wurden zum Ärger und Amüsement der Beschäftigten bereits Tips zur Kostensenkung verteilt. Statt »blumige Briefe« zu schreiben, heißt es in dem neunseitigen Heftchen beispielsweise, sollten die SEL-Angestellten künftig lieber Vordrucke verwenden.
Für die Fahrt zum Flughafen sollen SEL-Manager möglichst öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Nur so, lehrt der Leitfaden, ließen sich »teure Parkgebühren« für den abgestellten Privat-Pkw vermeiden.
»Die Stimmung in Stuttgart«, klagt IG-Metall-Vertrauensmann Peter Schneider, »ist auf einem Tiefpunkt angelangt.« Sie wird wohl noch schlechter werden.
Am Ende der von den Franzosen begonnenen Neuordnung wird der SEL nur noch das Rumpfgeschäft Öffentliche Telekommunikation bleiben. Aber auch mit diesem Bereich ist der Alcatel-Chef nicht zufrieden.
Suard hatte von seinen Stuttgarter Statthaltern erwartet, daß sie der Alcatel den Zugang zum größten deutschen Auftraggeber, der Bundespost, sichern. Doch Vorstandschef Gerhard Zeidler hat es nicht einmal geschafft, die Position der SEL als zweiter großer Postlieferant nach Siemens zu halten. Zwei Großaufträge zur Lieferung des Mobilfunksystems D 1 der Post und D 2 des privaten Betreibers Mannesmann gingen an Siemens und den schwedischen Konzern Ericsson.
Zeidler war im Frühjahr 1989 gegen den Willen der Franzosen, auf Druck der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat, zum Vorstandschef aufgerückt. Der ehrgeizige Techniker hatte den Betriebsräten mehrmals versprochen, er würde keine Firmenteile abstoßen.
Doch seit seinem Amtsantritt unterstützt der SEL-Chef vorbehaltslos den Kurs der Alcatel. SEL-Beschäftigte glauben den Grund zu kennen: Suard habe Zeidlers undurchsichtige Rolle beim Sturz seines Amtsvorgängers Helmut Lohr zum Anlaß genommen, um persönlichen Druck auf Zeidler auszuüben.
Die Franzosen verdächtigen den SEL-Chef, er habe zusammen mit einem ehemaligen Vorstandsmitglied eine Intrige gegen Lohr inszeniert. Nach anonymen Anzeigen, gut gespickt mit Interna aus der SEL-Geschäftsleitung, leitete die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Lohr ein.
Lohr wird vorgeworfen, er habe Einkünfte nicht versteuert, auf Kosten des Unternehmens sein Ferienhaus auf Mallorca ausgebaut und das von der SEL gecharterte Flugzeug zu Privatzwecken genutzt. Daraufhin schied der Beschuldigte aus seinem Amt.
Zu seiner Entlastung verweist Lohr darauf, daß es ihm als Spitzenmanager mit Kontakten zu politischen Größen wie Ministerpräsident Lothar Späth oder Postminister Christian Schwarz-Schilling gestattet war, in seinen Häusern Sicherungsanlagen einzubauen und den Jet zu benutzen. Lohr kann den Richtern schriftliche Genehmigungen von ITT vorlegen. Aus Sicherheitsgründen habe er auch die Flugziele durch falsche Angaben tarnen können.
Der Vorwurf der Steuerhinterziehung wird wohl erst nach einer Entscheidung des Landesfinanzgerichts geklärt. Lohr wie Zeidler hatten neben ihrer SEL-Tätigkeit auch für die Konzern-Mutter ITT in New York gearbeitet und dafür Aktien-Optionen erhalten. Den späteren Erlös hatten sie weder in den USA noch bei ihrem heimischen Finanzamt versteuert.
Kurz nach Eingang der anonymen Anzeige bei der Steuerfahndung machte Zeidler eine strafbefreiende Selbstanzeige und zahlte die Steuer nach. Lohr konnte diese gesetzliche Möglichkeit nicht nutzen, da gegen ihn bereits ermittelt wurde. Kommt es zum Prozeß, wird neuer Wirbel um die SEL-Führung entstehen. Der um seine Reputation bedachte Lohr könnte Interna aus der Firmenspitze und über die Geschäftspraktiken ausplaudern.
Ein Konzern aus der Branche zog aus dem Führungsdebakel bei SEL bereits Nutzen: Mannesmann heuerte Lohr und ein halbes Dutzend SEL-Manager an. o