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Das Siemens-Studio für elektronische Musik von Alexander Schaaf und Helmut Klein

Siemens-Studio
Klänge aus der Retorte
Inv.-Nr.: L1994/19

Es gab eine Zeit, da hatten Telefone eine Klingel - heute haben sie einen elektronischen Melodiengenerator. Viele Alltagsgegenstände piepsen und dudeln, wenn man sie benutzt: Ladenkassen, Fahrkartenautomaten, Computer. Diese Klänge sind nicht "echt", sondern kommen von elektronischen Generatoren (meistens Mikrochips) - man weiß es und wundert sich nicht. Selbst künstliche Sprache kennt heute jeder: Wer bei bestimmten Auskunftsdiensten anruft, dem wird von einer synthetischen Stimme geholfen (oder auch nicht).

Hauptanwender der elektronischen Klangerzeugung und -verarbeitung sind heute die Produzenten der Unterhaltungsmusik. Deshalb überrascht es vielleicht, dass es einige Komponisten ernster Musik waren, die in den 1940er und 1950er Jahren als Erste mit elektronischem Klangmaterial experimentierten: Neue, nie gehörte Klänge sollten mit Hilfe der aufstrebenden Elektronik entstehen und zu neuen ästhetischen Erfahrungen führen.


Große Ideen und mühsame Kleinarbeit

Orff und Riedl im Labor 345
Die Anfänge. Carl Orff (Mitte) und Josef Anton Riedl (rechts) im "Labor 345" des Siemens-Konzerns. ...

Elektronische Musikinstrumente, die es damals schon gab (u. a. Hammond-Orgel, Trautonium), stellten für die Avantgarde allerdings nur einen Übergang dar. Sie erinnerten doch zu sehr an konventionelle Instrumente und wurden immer noch von einem Spieler bedient. Gesucht war eine radikalere Lösung: Jeder denkbare Klang sollte herstellbar und ohne die Einschränkungen menschlicher Spieltechnik verfügbar sein. Die physikalischen Grundlagen dazu waren bekannt. Man wusste längst, dass sich jeder musikalische "Ton" (eigentlich: Klang) als eine Summe von so genannten Sinustönen darstellen lässt; solche konnte man mit elektronischen Generatoren einzeln erzeugen und beliebig kombinieren. Vor allem diese Kombination aus Teiltönen ist es, die - neben dem Ein- und Ausschwingverhalten - die Klangfarbe bestimmt.

Es war die große Zeit der Schaltungstechnik mit Röhren; zuverlässige Sinusgeneratoren waren in der Rundfunk-Messtechnik vorhanden. Karlheinz Stockhausen war der Erste, der die "Spielinstrumente" verwarf und sich mehrere Sinusgeneratoren bei den Rundfunktechnikern "auslieh". Die so erzeugten Klänge wurden auf Tonband gespeichert; aus vielen Bandschnipseln, die man mühsam aneinander kleben musste, entstanden dann ganze Musikstücke. Derartige Musik konnte man ab 1951 gelegentlich im Kölner Rundfunk hören: Publikum und Presse waren alarmiert.


Vom Laboraufbau zum Siemens-Studio

Lochstreifen-Schnellsender
Der "Lochstreifen-Schnellsender", sozusagen das Herz der Studioautomatik. In die vier Papierstreifen ist der Verlauf eines Kompositionsabschnittes eingestanzt. ...

Die Geschichte des Siemens-Studios beginnt im Jahr 1955. Bei Siemens entstand gerade eine aufwändige Filmdokumentation über den eigenen Konzern. Dazu wurde eine ebenfalls aus dem Rahmen fallende Filmmusik gesucht. Durch Vermittlung von Carl Orff geriet man an den jungen Komponisten Josef Anton Riedl und damit an eine drastisch moderne elektronische Klanggestaltung. Riedl erhielt jede gewünschte Unterstützung; man stellte ihm das firmeneigene elektroakustische Versuchslabor mit seinen hochqualifizierten Technikern zur Verfügung. Dort löste er bald eine bemerkenswerte Betriebsamkeit aus: Komfortable Tongeneratoren wurden entwickelt, ein in Kriegszeiten zur Sprachverschlüsselung vorgesehener Vocoder wurde für musikalische Anwendungen modifiziert; weitere Tonquellen (Rauschen, Impulse), Klangfilter, Tonbandgeräte und Mischeinrichtungen kamen dazu. Außerdem konnte man die Klänge mit einem Frequenzumsetzer verfremden und künstlichen Nachhall erzeugen. Viele dieser Geräte gab es wohl auch anderswo; einzigartig war jedoch, dass man keine Bandstücke mehr zusammenkleben musste: Auf Riedls Veranlassung wurde die gesamte Apparatur mit einer automatischen Steuerung ausgerüstet - nur im New Yorker RCA-Studio besaß man etwas annähernd Vergleichbares. Gestanzte Papierstreifen waren die Datenträger, mit denen man die verschiedenen Generatoren einzeln ein- und austasten, Klang und Lautstärke wählen konnte. Diese Lochstreifen wurden in aller Ruhe nach den Angaben des Komponisten vorbereitet, dann in ein schnelles Lesegerät eingelegt - der Rest lief automatisch und konnte am Stück aufgenommen werden.

Nach der Fertigstellung des Siemens-Films sollten die wertvollen Geräte nicht wieder auseinander gerissen werden. Im Jahr 1960 gründete man deshalb das "Studio für elektronische Musik der Siemens & Halske AG" mit Entwicklungsabteilung und mit acht festen Mitarbeitern, darunter Riedl als künstlerischem Leiter. Berühmte Komponisten wurden eingeladen: Ligeti, Kagel, Boulez, Maderna, Pousseur, Cage, Stockhausen, Schnebel und Hartmann. Die Produktion war vielfältig und umfangreich. Als allerdings im Jahr 1963 die Kosten für ein so großes kulturelles Engagement nicht mehr vertretbar waren, wurde das Studio an die Ulmer Hochschule für Gestaltung verschenkt, wo es noch ein paar Jahre in reduziertem Umfang genutzt wurde.

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Literaturtips zum Weiterlesen


Infos

Auszug aus: "Meisterwerke aus dem Deutschen Museum Band VI"

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