Aus der Organisation hieß es gegenüber der APA, dass im Opferschutzverfahren acht dokumentierte Fälle zu Gmeiner vorliegen. Übergriffe auf Mädchen sind nicht bekannt. Die Meldungen stammen aus Opferschutzverfahren der Organisation in den Jahren 2013 bis 2023. Die Übergriffe selbst sollen in den 1950er bis 1980er Jahren an vier Standorten in Österreich stattgefunden haben.
„Die Betroffenen haben die Geschehnisse im Rahmen des Opferschutzverfahrens plausibel dargelegt; die Entscheidungen zu Entschädigung erfolgen auf Basis einer Plausibilitätsprüfung, es handelt sich um keine forensische Untersuchung“, sagte SOS-Kinderdorf-Geschäftsführerin Annemarie Schlack.
Weitere Opfer Gmeiners könne man nicht ausschließen. Die acht Betroffenen wurden mit bis zu 25.000 Euro entschädigt, zudem wurden Therapieeinheiten bezahlt. Gmeiner stand wegen der mutmaßlichen Verbrechen nie vor Gericht.
Organisation plant Neuaufstellung
Die Organisation teilte am Donnerstag mit, sich neu aufstellen zu wollen. Es soll „kein kleines Update, sondern ein umfassender Neustart der Organisation erfolgen“, sagte Geschäftsführerin Schlack im APA-Interview. Schon seit 2010 gibt es kaum noch „Kinderdorffamilien“, die meisten der 1.800 Kinder und Jugendlichen werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Wohngemeinschaften von acht bis neun Personen betreut.
Gegenüber ORF.at sagte Schlack, man breche jetzt mit dem System, das „Vertuschung oder das Wegschauen begünstigt hat, komplett“. Dazu zähle auch, dass mit dem „Mythos der Gründerfigur jetzt aufgeräumt wird, denn das hat keinen Platz mehr in der Organisation, die wir sein werden“. Ihr Anspruch sei, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Da dürfe es keine Tabus geben, so Schlack mit dem Verweis auf die bisher „sehr idealisierte Gründerfigur“ Gmeiner.
Zudem prüft eine Reformkommission unter dem Vorsitz von Irmgard Griss die Vorfälle und Strukturen von SOS-Kinderdorf. Am Ende des Prozesses wird ein Abschlussbericht veröffentlicht. Die Website der Kommission ist bereits online.
Kein aktueller neuer Verdachtsfall
Derzeit liegt bei SOS-Kinderdorf nach Angaben des Vereins kein neuer Missbrauchsverdachtsfall vor. Es gibt aber aktuell 67 Meldungen, die über die diversen Andockstellen an die Organisation herangetragen wurden. Ein Bericht der Wochenzeitung „Falter“ über Vorwürfe gegen das SOS-Kinderdorf in Moosburg in Kärnten hatte Mitte September die Missbrauchscausa ausgelöst.
Bendas (ORF): „Markenschutz vor Kinderschutz“
Laut Recherchen waren viele der nun bekanntgewordenen Missbrauchsfälle im SOS-Kinderdorf intern dokumentiert, wurden aber nie öffentlich gemacht. ORF-Redakteur Christoph Bendas analysiert, warum es so lange gedauert hat.
Kurze Zeit später kamen auch Vorwürfe gegen weitere Kinderdörfer ans Licht. Mittlerweile ermitteln die Staatsanwaltschaften in Klagenfurt, Innsbruck und Salzburg aufgrund der Vorwürfe. Auf die Frage, ob im Zusammenhang mit dem Namen Gmeiner strafrechtliche Ermittlungen gegen etwaige Mitwisser bzw. Mittäter anhängig seien, wurde seitens der Staatsanwaltschaft Innsbruck auf ein bereits anhängiges Ermittlungsverfahren verwiesen.
Dieses betreffe aber nicht Gmeiner, sondern mutmaßliche Kindesmisshandlungen, die sich primär auf einen ehemaligen Leiter am Standort Imst beziehen, sagte eine Sprecherin – mehr dazu in tirol.ORF.at.
Extern begleiteter Umbauprozess
Man werde einen „umfassenden, extern begleiteten Organisationsentwicklungsprozess“ starten, sagte Geschäftsführerin Schlack am Donnerstag der APA. Ziel sei, Verantwortung, Kontrolle und Transparenz auf allen Ebenen dauerhaft zu sichern und SOS-Kinderdorf als moderne Kinderschutzorganisation „mit zeitgemäßen Strukturen und Standards neu aufzustellen“.
Ein besonderer Fokus liege auf der aktiven Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Erfahrungen und Ideen die Basis für den Wandel bilden sollen. Der Prozess umfasse auch die Entwicklung eines neuen Leitbilds sowie „einen umfassenden Kultur- und Führungsprozess“, sagte Schlack.
Für die interne Durchleuchtung der Organisation werde extra ein Team unter Leitung eines Sonderbeauftragten für Aufarbeitung eingesetzt. „Aufgabe ist die vollständige Bearbeitung aller eingelangten und nicht vollständig aufgearbeiteten historischen Fälle inklusive aktiver Archivrecherchen und Dokumentationsprüfung“, so die Geschäftsführerin.
Grüne: Regierung in die Pflicht nehmen
Barbara Neßler, Familiensprecherin der Grünen, zeigte sich „zutiefst betroffen“ über die neuen Enthüllungen. Die angekündigte Neuaufstellung von SOS-Kinderdorf sei „gut und unausweichlich“, dürfe aber nicht in „Lippenbekenntnissen“ enden. Auch die Regierung müsse in die Pflicht genommen werden, die Grünen hätten diesbezüglich bereits Ende September eine Anfrage an das Justizministerium gerichtet.
Auch die Dachorganisation SOS Children’s Villages International meldete sich mit einem Statement zu Wort. „Ich verurteile Hermann Gmeiner und sein verabscheuungswürdiges Verhalten auf das Schärfste“, teilte Vorstandsvorsitzender Domenico Parisi mit. Die Arbeit von SOS Kinderdorf bringe jedoch „Millionen von bedürftigen Kindern und Jugendlichen weltweit Hoffnung, Fürsorge und Chancen“.
Erste Einrichtung 1950 eröffnet
Gmeiner wurde 1919 in Vorarlberg geboren. 1949 gründete er mit knapp 30 Jahren den Verein Societas Socialis (SOS), der später in SOS-Kinderdorf umbenannt wurde. Er wollte nach eigenen Angaben „betreute Einrichtungen mit einem Umfeld schaffen, das dem einer leiblichen Familie möglichst nahekommt“.
Im selben Jahr wurde der Grundstein für das erste Familienhaus in Imst gelegt. Am 24. Dezember 1950 zogen die ersten fünf Waisenkinder mit ihrer „SOS-Mutter“ ein. In den 1960ern verbreitete sich die SOS-Kinderdorf-Idee auch außerhalb von Europa in Asien und Lateinamerika. Heute ist SOS-Kinderdorf in rund 135 Ländern vertreten. Gmeiner starb 1986 ehelos mit 67 Jahren an Krebs.
Vorwürfe gegen Organisation in In- und Ausland
International tauchten vor allem in Asien und Afrika immer wieder Missbrauchsvorwürfe gegen die Organisation auf. 2022 wurde bekannt, dass ein inzwischen verstorbener österreichischer Großspender im Verdacht stand, bei seinen Besuchen in einem südostasiatischen Land acht Burschen, die in Betreuung von SOS-Kinderdorf standen, sexuell missbraucht zu haben.
Der Mann reiste zwischen 2010 und 2014 immer wieder in dieses Land. Erst nach einer Beschwerde der Einrichtung, denen die Handlungen aufgefallen waren, wurden die Besuche gestoppt. Der Fall wurde als „Einzelfall“ ad acta gelegt. Die Reformkommission weiß darüber Bescheid. Man wolle sich vorerst aber auf Vorfälle und Strukturen in Österreich beschränken.