Laut Experten und Expertinnen hat die chinesische Marine derzeit noch zu wenig Kriegsschiffe, um Taiwan zu erobern. Auch politisch steht noch nicht fest, ob China mit einer Invasion ernst machen wird. Die Übung dient nach Angaben Pekings als Warnung und Abschreckung der „Unabhängigkeitskräfte Taiwans“, wie Außenamtssprecher Guo Jiakun sagte.
Das chinesische Militär veröffentlichte von dem offiziellen Militärmanöver am Mittwoch ein Video, das die Schießübungen zeigen soll. Dort sollen Raketenübungen mit scharfer Munition zu sehen sein. Die Flugzeugträgereinsatzgruppe Shandong habe Angriffe auf Boden- und Seeziele östlich von Taiwan simuliert, teilte das Militär weiter mit.
Laut Chinas Ostkommando-Oberst Shi Yi trainierten auch Bodentruppen auf dem Festland das Schießen über weite Distanzen auf simulierte Ziele im Ostchinesischen Meer. Die chinesische Zeitung „Global Times“, die vom Zentralorgan der Kommunistischen Partei Chinas herausgegeben wird, berichtete, dass hochmoderne Ausrüstung eingesetzt worden sei.
Kritik und Besorgnis
Die USA, Taiwans wichtigster Unterstützer und Waffenlieferant, verurteilten die chinesischen Manöver. „Chinas aggressive militärische Aktivitäten und Rhetorik gegenüber Taiwan verschärfen einmal mehr die Spannungen und gefährden die Sicherheit in der Region“, erklärte das US-Außenministerium.
Auch Japan und die Europäische Union äußerten sich besorgt: „Die EU hat ein direktes Interesse an der Wahrung des Status quo in der Taiwanstraße. Wir lehnen alle einseitigen Aktionen ab, die den Status quo mit Gewalt oder Zwang verändern“, sagte ein EU-Sprecher.
Am Dienstag hatte Peking bereits mitgeteilt, dass Luftstreitkräfte, Marine und die Raketeneinheit rund um Taiwan zu üben begonnen hätten. Taiwans Verteidigungsministerium entdeckte am Mittwoch bis zum Nachmittag (Ortszeit) mindestens 36 chinesische Militärflugzeuge sowie 21 Kriegsschiffe – darunter den Flugzeugträger „Shandong“ – und zehn Schiffe der Küstenwache vor seinen Inseln.
Eigene Übung für neue Landungseinheiten
Die Übungen mit den neuen Landungsschiffen fanden allerdings nicht im Rahmen der gerade laufenden Taiwan-Manöver statt. Die Landungseinheiten bestehen aus drei Spezialschiffen, die mit einer Art Brücken verbunden werden, so die „New York Times“ weiter.
Seit der Spaltung zwischen China und Taiwan im Jahr 1949 betrachtet Peking die Insel als abtrünniges Gebiet, das es wieder mit dem Festland vereinigen will – notfalls mit militärischer Gewalt. Auf dem chinesischen Festland hatten die Kommunisten 1949 im Bürgerkrieg die Macht übernommen, während sich auf Taiwan damals die vorherige chinesische Regierung hielt.
Geschwindigkeit und Truppenstärke
China führt seit Jahren Militärübungen rund um Taiwan durch. Doch trotz der Intensivierung der chinesischen Übungen und der Weiterentwicklung chinesischer Raketen, Kriegsschiffe und Kampfjets bezweifeln viele Fachleute, dass das chinesische Militär die Taiwanstraße mit der für eine erfolgreiche Invasion erforderlichen Geschwindigkeit und Truppenstärke überqueren könnte, so die Zeitung weiter. Starke Winde und Strömungen über weite Teile des Jahres erhöhen die Gefahren einer Landung auf Taiwan.
Die Übung mit den Speziallandungsschiffen deutet jetzt darauf hin, dass die chinesische Volksbefreiungsarmee der Landung von Zehntausenden Soldaten samt Waffen und Fahrzeugen an Taiwans Küste einen Schritt nähergekommen sein könnte, so Experten zur „New York Times“.
Experte erwartet weitere größere Übungen
Experten gehen davon aus, dass das System noch nicht ganz ausgereift ist. Die chinesische Volksbefreiungsarmee werde die neuen Landungseinheiten voraussichtlich noch in diesem Jahr in größeren Militärübungen weiter testen, so Chieh Chung, Experte am taiwanischen Institut für Nationale Verteidigungs- und Sicherheitsforschung, gegenüber der „New York Times“.
„Normalerweise führen sie Tests im Rahmen von Übungen durch, bevor sie offiziell mit der Massenproduktion beginnen“, so Chieh über das chinesische Militär. „Die Richtung ist vorgegeben: Wie lassen sich alle Schwierigkeiten überwinden, die eine gemeinsame Landungsoperation erschweren könnten?“
Die neuen Landungsschiffe zeigten, dass Chinas Streitkräfte rasch Wege entwickelten, die logistischen Hürden einer möglichen Invasion zu überwinden, so J. Michael Dahm, pensionierter Geheimdienstoffizier der US-Marine, gegenüber der „New York Times“. Sollten die neuen Landungsschiffe in Dienst gestellt werden, könnten sie Chinas Möglichkeiten erweitern, so die Zeitung weiter, die das als Hinweis auf Invasionspläne sieht.
Riesige Stelzen und Türme als Brücken
Das längste Schiff der Landedreierkombination ist laut „New York Times“ rund 184 Meter lang, das kürzeste 110 Meter. Die neuen Landungseinheiten verfügen über einziehbare Beine, die wie riesige Stelzen funktionieren. Die Beine ragen während der Fahrt aus dem Deck heraus und werden, sobald die Schiffe in Position sind, auf den Meeresboden abgesenkt, um sie gegen Wellen zu stabilisieren, auch die Rümpfe können über das Wasser gehoben werden. Die Schiffe verfügen zudem über eine Art Turm auf dem Bug, der als Brücke ausgefahren wird und die Schiffe miteinander verbindet.
Der daraus resultierende Ponton soll rund 820 Meter lang sein. Er verbindet die Schiffe miteinander und mit dem Ufer. So können Armeefahrzeuge von den Schiffen bzw. von Frachtschiffen und Fähren, die an die Dreierkombination andocken können, ans Ufer fahren.
Angriff politisch äußerst heikel
Die beteiligten Fähren und Frachtschiffe wurden für die Übung laut „New York Times“ jedoch für den Transport schwerer bewaffneter Fahrzeuge wie gepanzerter Mannschaftswagen und Panzer gebaut oder umgebaut, so Jason Wang, Chief Operating Officer von ingeniSPACE, in der „New York Times“. Das Unternehmen analysiert Satellitenbilder und andere Daten, unter anderem auch über das chinesische Militär.
Die Überquerung der Taiwanstraße könnte für Chinas Streitkräfte jedoch auch ungeachtet des Wetters gefährlich werden. Die USA könnten Truppen entsenden, um Taiwan gegen China zu unterstützen. Das würde allerdings das Risiko eines Krieges zwischen zwei Atommächten erhöhen. Taiwan könnte die erste Welle der Invasionstruppen allerdings schon in der Meerenge zwischen Taiwan und China abfangen und bekämpfen.