Kupferkanne, Kampen/Sylt
13. Januar 2026 Hinterlasse einen Kommentar
Reinhard Spree
Das unterirdische Paradies[1]
Geschichte der „Kupferkanne“ in Kampen
Unerwartet taucht in der Kampener Heide ein Wäldchen aus Krüppelkiefern, Wacholder und Birken auf. Eine schmale sandige Zufahrt endet auf einem provisorischen Parkplatz zwischen den Bäumen. Von dort geht es auf schmalem Plattenweg zu einer kleinen Tür, die in ein niedriges, aus der Erde herausragendes Haus mit grasbewachsenem Dach führt. Wenn man glücklich den weiblichen oder männlichen Zerberus, der diese Tür bewacht, passiert hat, betritt man den in den 1950er und 1960er Jahren angesagtesten Nachtclub Deutschlands, die Kupferkanne.
Zunächst steigt man an kahlen Wänden aus Stein oder Beton entlang auf schmalen Stufen nach links hinab in die Tiefe, denn das Paradies befindet sich unter der Erde. Rechts und links öffnen sich in den Wänden immer wieder Zugänge zu kleinen Nischen, in denen Menschen auf fellbedeckten Wandvorsprüngen oder niedrigen Schemeln aus rohem Holz um Tischchen herum hocken; Kerzenlicht spiegelt sich in den Gläsern. Es geht tiefer hinab, und man hört entfernt Musik. Eine Wendung der Treppe nach rechts, und man befindet sich in einem niedrigen Gewölbe rund um eine Tanzfläche, auf der sich, dicht gedrängt, Menschen zu heißen Rhythmen bewegen. Das ist das „Herz“ der Anlage.
Jenseits der Tanzfläche weitere Nischen; schmale Betonstufen führen hinauf vorbei an Toiletten und enden schließlich ebenerdig in einer Bar unter einer tiefen Betondecke. Das Mobiliar wieder rustikal, aus mehr oder weniger rohem Holz gezimmert, oft mit Schaffellen belegt, auf den Tischchen Kerzen, die wenigen Lampen an strategischen Punkten geben nur gedämpftes Licht. Hier ist die Musik weniger aufdringlich, hier sind Gespräche möglich, hier wird geflirtet. Man könnte sagen, dies ist die „Seele“ der Anlage. Aber dann ist da noch der Pesel, angrenzend an das Atelier des Eigners, des Bildhauers Günter Rieck; in den 1940er und frühen 1950er Jahren war das der Eingangsbereich zum Künstlertreff im ehemaligen Bunker, dem Ursprung des Ganzen. Über 15 Jahre hin hat Rieck an diesem unterirdischen Labyrinth gebuddelt.
Viele Illustrierte brachten während der 1960er Jahre, in der Folgezeit seltener, seit der Wiedervereinigung kaum noch, jeden Sommer einen Bericht über Traumurlaub auf Sylt, garniert mit reißerischen Hinweisen auf die Nackten am Strand und in den Dünen sowie die darunter sich tummelnden Prominenten. Dabei wurde stets dies sagenumwobene Etablissement erwähnt, das viele Menschen als Ort der Erfüllung aller Urlaubssehnsüchte auf Sylt empfanden. Wie konnte ein solcher Maulwurfsbau dazu werden? Das ist eine kleine Geschichte von vielen Zufällen, Umwegen und Konflikten. Im Mittelpunkt steht eindeutig ein Mann, Günter Rieck.
„Acht Tage vor Kriegsende setzte der 35jährige Bildhauer Günter Rieck als Oberleutnant der Kriegsmarine im Hafen von Hörnum zum ersten Mal einen Fuß auf das Sylter Eiland. Als Quartier wurde ihm nach der Kapitulation ein halb in die Erde eingelassener Flakbunker in Kampen, direkt an einem der 800 Hünengräber der Insel, zugewiesen.
Der Bildhauer Günter Rieck grub sich ein Schlafzimmer in die Erde, meißelte ein großes Fenster in die Bunkerwand und hatte somit sein Atelier, in dem er Vasen aus Wattschlick formte. Bald kamen die ersten Freunde, die es ebenfalls auf die Insel verschlagen hatte, zu einem Glas Wein vorbei. Ernst von Salomon, der in einem Bunker nebenan seinen Bestseller >Der Fragebogen< schrieb, Hjalmar Schacht und Schauspieler Matthias Wiemann.“[2]
Die Schriftstellerin Sina Beerwald umschreibt Riecks maulwurfsartige Betätigung, vom Flakbunker ausgehend, in ihrem Buch „111 Orte auf Sylt, die man gesehen haben muss“ so: „Bis 1950 baute Rieck den Bunker sukzessive aus – von oben nach unten. Er grub verwinkelte Gänge, legte Treppenstufen sowie unterirdische Räume an und schuf in diesem Labyrinth ein von Kerzenlicht erhelltes Reich der Gemütlichkeit.“[3] So entstand die Keimzelle der Kupferkanne.
Zunächst war jedoch der Bildhauer Rieck in den ersten Nachkriegsjahren zum Töpfer geworden. Wahrscheinlich legte ihm die unentgeltliche und reichliche Verfügbarkeit des erforderlichen Rohstoffs im Wattenmeer das nahe. Wobei zu bedenken ist, dass es während dieser Jahre für einen Flüchtling extrem schwierig war, auf Sylt Fuß zu fassen und sein Leben zu fristen, denn es mangelte an allem. „Die Essensrationen sind knapp, es gibt fast keine Kartoffeln und kein Fleisch, stattdessen aber Kohlrüben in vielen Variationen. Mit allen Mitteln versuchen die Menschen, sich etwas Brennmaterial für die heimischen Öfen zu beschaffen. Von den Zügen werden Kohleladungen gestohlen, auf der Insel verschwinden Gartenpforten, Fahnenstangen und sogar das Geländer der Westerländer Promenade als Feuerungsmaterial über Nacht.
Erheblich verschärft wurde die Situation durch die unzähligen Flüchtlinge, die auf die Insel strömten. Am 24. Februar 1945 erreichte kurz nach Mitternacht der erste Vertriebenen-Transport Sylt. Bis 1947 sollten es fast 14.000 Flüchtlinge sein, die in Privathaushalten und 18 Lagern einquartiert wurden. Auf Sylt lebten nun plötzlich 26.000 statt zuvor 12.000 Menschen.“[4]
Einer von diesen 14.000 Inselfremden war Rieck. Immerhin hatte er mit der Zuweisung des Flakunterstandes samt Bunker in der Kampener Heide ein festes Dach über dem Kopf. Angesichts der allgemeinen Wohnungsnot auf der Insel waren die Bunker als Wohnung sehr beliebt. Dutzende von Familien lebten Jahrzehntelang in solchen „halbversenkten Massivgebäuden“, wie sie in der Behördensprache genannt wurden.[5]
Rieck suchte seine Chance in der Töpferei. Darin entwickelte er nach Berichten von Zeitzeugen bald eine hohe Kunstfertigkeit. Zunächst formte er vor allem Vasen und kleinere Gefäße, die sich an die bald wieder auf die Insel und nach Kampen kommenden ersten Kurgäste als Souvenir verkaufen ließen. Die Vasen hatten allerdings den Nachteil, dass sie wohl, wie berichtet wird, nicht wasserfest waren.[6] Weniger problematisch waren seine Plastiken, die er zusammen mit Produkten anderer Künstler gelegentlich in Kunstausstellungen auf der Insel sowie in seinem Atelier präsentierte. Ein Zeitzeuge schrieb rückblickend in den frühen 1990er Jahren, als man Rieck primär als Schöpfer und Inhaber des inzwischen berühmten Nachtlokals Kupferkanne wahrnahm: Er wolle „eine wahrscheinlich wenig bekannte Seite des Künstlers Rieck beleuchten. Er war nämlich auch ein hervorragender Plastiker, der mit großer Sensibilität kleine Figuren von subtilem Ausdruck formte. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich besitze ein ganzes Ensemble zauberhafter Kleinplastiken von ihm: eine wunderschöne Weihnachtskrippe. Meine Tante schenkte sie mir zum Fest 1945.“[7]
Die Tante war 1945 eine der Oberschwestern im Diakonissen-Krankenhaus Jerusalem am Moorkamp in Hamburg-Eimsbüttel, das zur Jerusalem-Gemeinde gehörte. Kurz vor Weihnachten suchte Rieck am späten Abend mit einem Koffer und einigen Kisten dies Krankenhaus auf und bat um eine Übernachtungsmöglichkeit. Im Keller des Krankenhauses wurde sie ihm gewährt, dazu eine Abendmahlzeit. Rieck wollte nichts geschenkt bekommen, er würde gern tauschen. Dafür bot er eine komplette Weihnachtskrippe an, die er aus einer seiner mit Wattentang gepolsterten Kisten hervorholte. Es handelte sich um „aus Wattenschlick geformte, kleine, zart kolorierte Figuren.“[8] Sie gefielen den hinzugekommenen Schwestern so sehr, dass die Oberschwester anbot, sie zu kaufen, statt sie als Gegengabe für das Nachtlager entgegenzunehmen. Rieck war über diesen unerwarteten Erfolg sehr erfreut und packte zwei weitere Krippen aus. „Meine Tante kaufte alle drei. Eine für sich und das Schwesternheim. Die anderen zwei für ihre heil aus dem Krieg herausgekommenen Neffen.“
Diese und ähnliche Erfahrungen bestärkten Rieck in dem Versuch, seinen Lebensunterhalt zunächst mit der Töpferei zu fristen. Er begann allerdings bereits, vorsichtig seinen Lebensraum durch unterirdische Grabungen zu erweitern. Die häufigen geselligen Beisammensein mit Nachbarn und anderen Künstlern von der Insel in seinem Atelier sowie der zunehmende Tourismus auf Sylt und speziell auch in Kampen brachten ihn schließlich auf die Idee, sein Atelier in ein Künstlerlokal zu verwandeln.
Deshalb stellte er am 17. 10. 1949 den Antrag auf Erteilung einer Schankkonzession an die Gemeindeverwaltung Kampen.[9] Im Juli 1950 beantragte er eine Verlängerung der ihm für den „Monat Juli erteilten Erlaubnis zur Abhaltung von Kunstwochen und erreichte diese für den Monat August“.[10] Jedoch war zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht endgültig über die Schankkonzession für ein Lokal entschieden worden.
Die aus Berlin stammende berühmte Tänzerin und Schauspielerin Valeska Gert, 1950 nach Jahrzehnten im Exil nach Berlin und Kampen zurückgekehrt, wo sie seit den 1920er Jahren ein altes Friesenhaus besaß, nimmt für sich in Anspruch, Rieck den entscheidenden Anstoß gegeben zu haben. Sie schildert das in ihren Memoiren so: „Boleslaw Barlog, der jeden Juni in Kampen ist, fragte: >Warum machen Sie nicht so ein Lokal wie in New York auf, ‚Valeskas Cabin‘?< Ich lasse mich schnell anregen, und als ich im Bunker von Schriftsteller Ernst von Salomon ein vorzügliches Steak aß, schickte er mich zum Töpfer Rieck, der im Nebenbunker wohnte. >Er hat sich ein Studio für seine Töpferei selbst zusammengebastelt und wird Ihnen bestimmt billig ein Lokal bauen.<
Ich erzählte Rieck meine Idee, er versprach, mir mit dem Haus zu helfen. Ich reichte einen Antrag bei der Gemeinde ein und wurde abgelehnt, weil kein ‚Bedürfnis‘ bestehe. Rieck reichte drei Monate später einen Antrag ein, denn meine Idee war nicht schlecht, er wurde mit derselben Begründung abgelehnt. Rieck eröffnete sein Lokal ohne Erlaubnis. Es war die Kupferkanne.“[11] So forsch und selbstbewusst dieser Schritt wirkt, war sich Rieck keineswegs sicher, wie er den Weg zum Gastronomen bewältigen sollte. Der oben zitierte Zeitzeuge Krohn erinnert sich an eine Begegnung kurz vor der Eröffnung der Kupferkanne: „1950 war ich wieder einmal auf Sylt, besuchte Günter Rieck in seinem Atelier-Bunker und traf ihn bei einer Unterhaltung mit dem Vertreter für Spirituosen. Der Künstler schien sich in einem fremden Milieu zu bewegen, denn er bat mich um meinen Rat, wieviel Wein und Whisky er sich denn hinlegen sollte, schließlich sei er kein Gastronom. Und wer weiß, ob der Laden überhaupt liefe. Ich war auch kein Gastronom, aber ich riet ihm, von allem reichlich einzukaufen. Das urige Ambiente war genau das richtige für die Syltfahrer damals. Und ein Bunkerlokal hatte, mit etwas Glück, gewiß eine Zukunft.“[12]
Was den Zuspruch des Publikums zu seinem neuartigen Angebot angeht, hatte Rieck Glück: Von Beginn an verzeichnete die Kupferkanne in den Sommermonaten eine starke Nachfrage. Die von der Gemeindeverwaltung aufgestellte Behauptung, es fehle das Bedürfnis nach so einem Lokal, war bald durch die Fakten widerlegt. Aber Rieck benötigte weiteres Glück, denn es gab erhebliche und einflussreiche Widerstände in der Gemeinde gegen die Kupferkanne. Die beiden wichtigsten Argumente bemühten einerseits die Traditionspflege, andererseits den Naturschutz. Eigentliches Motiv dahinter war vermutlich die Ablehnung von eventuell weitreichenden Neuerungen. Immerhin war Kampen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs ein beschaulicher Kurort gewesen, der überwiegend Natur- und Kunstliebhaber anzog und über keinerlei Nachtleben verfügte. Nun wollten mit Valeska Gert und Günther Rieck gleich zwei „Ortsfremde“ Nachtclubs einrichten. Ausgerechnet in der bisher vom Tourismus kaum berührten Heidelandschaft auf der Wattseite: Gert in dem von ihr geerbten fast 170 Jahre alten Friesenhaus den Ziegenstall, Rieck in dem ihm zugewiesenen Flakunterstand die Kupferkanne.
Im Vordergrund der öffentlichen Debatte stand Riecks Initiative, wobei vordergründig der Standort angegriffen wurde. Der Flakunterstand war einer von mehreren, die die Wehrmacht im Zuge der Umwandlung der Insel Sylt in eine Verteidigungsfestung gegen eine für möglich gehaltene alliierte Invasion in die Heide gebaut hatte, ohne Rücksicht auf Naturschutz und Geschichte. Wie nun 1949 von traditionsbewussten Syltern entdeckt wurde, befand sich der Riecksche Unterstand direkt neben einem aus der Steinzeit überlieferten Hünengrab, das zu einem größeren Ensemble von Hünengräbern, dem sogenannten Stapelhoog, gehörte. Von diesem war zwar praktisch nichts mehr zu sehen, doch Gegner der Rieckschen Pläne ließen durch Angehörige des Jugendaufbauwerks Sand herankarren und errichteten neben dem Rieckschen Unterstand einen an das durch die Wehrmacht mehr oder weniger eingeebnete Hünengrab erinnernden Hügel.[13] Man glaubte dabei, im Sinne des Vermächtnisses des ursprünglichen Grundstückeigentümers, Ferdinand Avenarius, zu handeln. Der dem Heimatschutz verpflichtete Avenarius hatte den Stapelhoog um 1910 erworben und wollte „dieses alte germanische Heiligtum >für alle Zeiten in seinem unberührten Zustand erhalten<.“[14] Wie dem zitierten Leserbrief des ebenfalls in Kampen ansässigen Inselarztes Ahlborn zu entnehmen, hatte Rieck bis 1950 einige bauliche Veränderungen auf dem von der Reichs-Vermögens-Nachlass-Verwaltung gepachteten Grundstück vorgenommen: Einen nahe dem Bunker gelegenen Materialschuppen hatte er unterkellert und darin seine Töpferwerkstatt eingerichtet. Zwischen der Werkstatt und dem Bunker baute er ein flaches Haus, den Pesel, in dem er literarische Abende und musikalische Soireen veranstaltete, so dass sich hier ein Künstler-Treffpunkt bildete.[15] Diese Bauten wurden durch unterirdische Gänge und Treppen miteinander verbunden, in deren Nischen und Nebengelassen sich während der Sommersaison zunehmend größere Zahlen von feierfreudigen Besuchern niederließen.
Auf diese Weise entstand das gastliche, primär unterirdische Labyrinth Kupferkanne, das bald einen hohen Bekanntheitsgrad in der ganzen Bunderepublik erlangte. Und Rieck, der noch 1950 sich und seine Familie vor allem durch die Arbeitslosenunterstützung ernähren musste, konnte schon im ersten Betriebsjahr 1951 mit rd. 80.000 DM Umsatz auf staatliche Hilfe verzichten. Sowie der Gemeinde Kampen zusätzliche Einnahmen z. B. in Form von 6.500 DM Getränkesteuer zukommen lassen.[16]
In Gemeinderatssitzungen, bei denen der Konzessionsantrag für die Kupferkanne verhandelt wurde, fanden einige Gemeindevertreter sehr starke Worte für ihre Forderung, am Stapelhoog keinen gastronomischen Betrieb zuzulassen. Er befinde sich sowieso außerhalb des für entsprechende Zwecke im Ortsstatut vorgesehenen Gebiets, sodass der Antrag schon aus formal-rechtlichen Gründen abzulehnen sei. Schwerwiegender aber sei, dass das Lokal „auf den Grabstätten der Vorfahren der Inselfriesen errichtet“[17] werden solle; man wolle das Heimatgefühl der einheimischen Bevölkerung mit Füßen treten. Besonders vehement setzte sich der Amtmann Hansen aus Keitum für die Achtung des Hünengrabes ein. Als Vorsitzender des Nordfriesischen Vereins trug er ein geharnischtes Protestschreiben vor: „Wir Nordfriesen wenden uns mit aller Schärfe gegen die Pietätlosigkeit, die Ausdruck findet in der Konzessionierung eines aus der verbrecherischen Kriegspsychose entstandenen Bunkers am Fuße eines unserer historisch bedeutungsvollsten Grabhügel. (…) Meine Herren, ich warne im Namen Nordfrieslands alle Freunde unserer Kultur und unserer Heimat und fordere Sie auf, keinen gesetzlosen Zustand in unserem Nordfriesland entstehen zu lassen. Es könnte zur Folge haben, daß die Konsequenzen gezogen würden aus dem Wahlspruch der Friesen >Lieber duad üs Slav!<.“[18]
Mit dem Hinweis auf einen drohenden „gesetzlosen Zustand“ bezog sich Hansen auf die Tatsache, dass Rieck mit einigen seiner ungenehmigten baulichen Veränderungen die Polizeiverordnung vom 03. 05. 1930 sowie das Gaststättengesetz missachtet hatte. Allerdings verfingen die Drohungen des Nordfriesenvereins nicht. Vielmehr wurde der Kreisverwaltung vorgeschlagen, „dem Bildhauer Rieck die Konzession bis zum 20. September zu verlängern, und ihm außerdem eine vierzehntägige Bedenkzeit zu geben, Vorschläge für eine eventuelle Verlegung der >Kupferkanne< und Beseitigung von Beanstandungen vorzubringen.“[19] Der in Leserbriefen beschworene „Bürgerkrieg in Kampen“ fand nicht statt; und auch die fortgesetzten Bemühungen von Amtmann Hansen, bei den Aufsichtsbehörden und schließlich vor Gericht eine Verweigerung bzw. Rücknahme der Konzessionierung zu erreichen, schlugen fehl. Den Schlusspunkt in diesem Streit setzte 1952 das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg. Es entschied unter alleiniger Berücksichtigung der „Bedürfnisfrage“ zugunsten von Rieck und bestätigte somit die zuvor ergangene Genehmigung durch das Landesverwaltungsgericht Schleswig. Im Übrigen wies das Oberverwaltungsgericht einen weiteren Vorwurf des Amtmanns Hansen zurück: „Günther Rieck trägt keine Schuld am Strukturwandel Kampens, so schmerzlich dieser für viele sein mag.“[20] Denn das war ein weiteres Argument im Kampf gegen die Kupferkanne geworden: sie trage maßgeblich zur Modernisierung Kampens bei, die eine größere Gruppe der Insulaner ablehnte, zumal sie ja u. a. dazu führe, dass “heilige Stätten“ des Friesentums geschändet würden.[21]
Die Erfolgsgeschichte der Kupferkanne konnte fortgesetzt werden. Der Stern berichtete 1962: „Nach zwei, drei Jahren sprach man von der >Kupferkanne< in der Bundesrepublik. Ach, Sie waren in Kampen? Waren Sie auch in der >Kupferkanne<? Natürlich! (…) Plötzlich kam Kampen in Mode. Eine neue Flüsterpropaganda verbreitete, Prominenz verbringe ihre Ferien in Kampen.“[22] In einem anderen Bericht hieß es einige Jahre später: „Der Andrang zur vergnüglichen Unterwelt wurde beängstigend. (…) Kampen und die >Kupferkanne< wurden ein Begriff. Ein Platz in ihren Kellerverstecken, in attraktiver Begleitung, gehörten zum Après-Bain-Ritual“. (Drinks, z. B. im Café >Gogärtchen<) „waren der Auftakt zum Abend, der in der >Kupferkanne< seinen boogie-woogie-beschwingten Höhepunkt fand.“[23] Dazu waren unter- sowie oberirdische Erweiterungen erforderlich.[24] 1954 fand unterirdisch eine erhebliche Erweiterung statt, auf die 1957 sowohl unter der Erde wie oberhalb ein Anbau folgte, der 1960 noch einmal auf beiden Ebenen deutlich vergrößert wurde. Damit waren die baulichen Veränderungen im Großen und Ganzen abgeschlossen.
Doch Rieck beschränkte sich nicht auf den Ausbau des im Wesentlichen unterirdischen Labyrinths. Vielmehr begann er frühzeitig, um den Bunker und die Anbauten herum in die kahle Heide Kiefern und Tannen sowie Büsche zu pflanzen, im Laufe der Jahre rd. 30.000 Bäumchen. Bereits nach 2 Jahrzehnten war daraus ein veritabler Park geworden, der teilweise eine Höhe von 4-5 Metern erreicht.[25] Die Dächer des Bunkers sowie der verschiedenen oberirdischen flachen Anbauten wurden sämtlich mit Grassoden bepflanzt, so dass die Anlage bald rundherum begrünt war und man von den kriegerischen Ursprüngen nichts mehr ahnte.
Das legte nahe, in den 1960 entstandenen ebenerdigen Räumen ein Essrestaurant und Café einzurichten, die Kupferpfanne. Sie ergänzte den Nachtclub und wurde rasch zu einer Attraktion für Mittags- und Nachmittags-Gäste, die die pittoreske Umgebung genießen wollen. „Eine riesige Naturterrasse ist nach Osten weit offen und gibt einen phantastischen Blick über das Wattenmeer frei für Besucher zur Kaffeestunde. Seitlich durch Buschwerk geschützt, genießt man hier paradiesische Stille.“[26]
Inzwischen hat das Café-Restaurant dem Nachtclub den Rang abgelaufen und dessen Namen übernommen. Als Tanzetablissement wurde die Kupferkanne seit den späten 1970er Jahren zunehmend durch die zahlreiche Konkurrenz in Kampen und anderen Orten auf Sylt seines Alleinstellungsmerkmals beraubt. Auch übte der bunkerartige Untergrund auf die Sylt regelmäßig im Sommer heimsuchenden Urlaubermassen zum abendlichen bzw. nächtlichen Vergnügen keine besondere Anziehungskraft mehr aus. Und der Promibonus ist längst als Illusion erkannt worden. Deshalb ist der Nachtclub Kupferkanne seit vielen Jahren geschlossen, es floriert unter diesem Namen das oberirdische Restaurant. Das unterirdische Labyrinth ist weitgehend abgesperrt, das Paradies im Bunker nur noch Geschichte.
[1] Der Text wurde, mit einigen Fotos versehen, Ende 2020 in der Online-Ausgabe der Zeitschrift des Vereins Berliner Unterwelten e. V., „Schattenwelten“, veröffentlicht. Ich danke dem Insel-Archiv für die freundliche Unterstützung im Juli 2020 bei der Recherche für diesen Aufsatz.
[2] https://www.kupferkanne-kampen.de/%C3%BCber-uns/ (Stand: 27. 06. 2020).
[3] Sina Beerwald: 111 Orte auf Sylt, die man gesehen haben muss. Köln 2015, E-Book Position 965ff.
[4] Bericht von Deppe in: Nachrichtenportal des shz (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag) v. 08. Mai 2015; https://www.shz.de/9654116 ©2020; Stand: 03. 12. 2020).
[5] Vgl. den Bericht „Als das Leben unter der Erde stattfand. Bunker waren lange Zeit beliebte Wohnungen.“ In: Sylter Rundschau, Nr. 243 v. 19. 10. 1987.
[6] Vgl. Ernst von Salomon: Phönix aus der Asche. In: Quo Vadimus. Das Magazin für Sylter Urlaubstage, 2. Jg. (1971), Nr. 8, S. 13.
[7] Herbert Krohn: Viel Kunst für ein Bett. In: Sylt Magazin 1993, S. 172.
[8] Dies und das folgende Zitat ebenda.
[9] Rieck beantragte die Konzession für ein „Künstlerlokal“. Ob tatsächlich bereits 1949, ist aufgrund der mir vorliegenden Dokumente nicht ganz eindeutig, aber wahrscheinlich. Denn als er im Sommer 1950 sein Lokal ohne Konzession eröffnete, war der Antrag schon länger anhängig, aber nicht endgültig entschieden. Die genauen Datumsangaben inkl. der unten noch folgenden für das Etablissement von Valeska Gert in dem Leserbrief von Robert Gerhard Fischer: „Bürgerkrieg in Kampen?“ In: Sylter Rundschau v. 08. 09. 1950.
[10] „Verlegung der >Kupferkanne<? Bewegte Diskussion im Beschlußausschuß Südtondern.“ In: Sylter Rundschau v. 31. 08. 1950.
[11] Valeska Gert: Ich bin eine Hexe. Kaleidoskop meines Lebens. Berlin 2019, S. 241.
[12] Krohn: Viel Kunst für ein Bett, S. 172.
[13] Vgl. Sylter Rundschau v. 31. 07. 1952, die dort eine Aussage Riecks zitiert.
[14] Knud Ahlborn: Die Kupferkanne – am falschen Platz. Leserbrief in: Sylter Rundschau v. 13. 10. 1950.
[15] Vgl. auch „Story der >Kupferkanne< begann mit einem Bauskandal.“ In: Sylter Rundschau v. 25. 04. 1975.
[16] Vgl. „Termin in der >Kupferkanne<. Umstrittene Schankerlaubnis vor dem Richter“. In: Sylter Rundschau v. 31. 07. 1952.
[17] „Gemeindevertretersitzung in Kampen.“ In: Sylter Rundschau v. 26. 08. 1950.
[18] „Verlegung der >Kupferkanne<? Bewegte Diskussion im Beschluß-Ausschuß Südtondern.“ In: Sylter Rundschau v. 31. 08. 1950.
[19] Ebenda.
[20] „>Kupferkanne< wird nicht verschrottet.“ In: Frankfurter Abendblatt v. 01. 08. 1952.
[21] Vgl. u. a. den Leserbrief von Max Petersen: „Noch einmal die >Kupferkanne<“, in: Sylter Rundschau v. 16. 03. 1951.
[22] Alexander Parlach: Die stummen Nackten von Kampen auf Sylt. In: Der Stern, 15. Jahr, H. 34. v. 26. 08. 1962.
[23] Dieter Wien u. Marie-Luise Dalchow: Sylt, das etablierte Vergnügen. In: Hamburger Abendblatt, Wochenend-Magazin, Nr. 153 v. 05./ 06. 07. 1975.
[24] Die folgende Schilderung der baulichen Veränderungen orientiert sich an der illustrierten Grundriss-Zeichnung von Günther Hausmann mit dem Titel „Die Kupferkannen-Story“, u. a. abgedruckt in der zum 25jährigen Bestehen der „Kupferkanne“ im Selbstverlag produzierten „Kupferkannen-Jubiläumsausgabe“, Sommer 1975.
[25] Vgl. u. a. Marius Heinrich Johanssen: 25 Jahre „Kupferkanne“. In: Sylt-Journal, Nr. 8, v. 04. 07. 1975, S. 9.
[26] Johanssen: 25 Jahre „Kupferkanne“.